News

Margit-Anna Süß unterrichtete ab 2015 als Gastprofessorin die Harfenklasse der Kunstuniversität Graz

Seit 2017 hat sie dort eine Universitätsprofessur inne.



Solo - Version for Harp - Schubert Complete Impromptus op. 90 und op. 142

2 ½ Jahre lang hat sich die weltbekannte Harfenistin Margit-Anna Süß der großen Herausforderung gestellt, eines der bekanntesten und anspruchsvollsten Werke für Klavier, die 8 Impromptus op.90 (D 899) und op.142 (D 935) des späten Franz Schubert auf CD einzuspielen. Diese Gesamteinspielung der Impromptus stellt eine Weltpremiere dar. Mit diesen Stücken ist die Harfenliteratur um eine geniales Werk erweitert worden, das mit seiner Tiefe und seinen großen technischen und musikalischen Anforderungen eine besonderen Gipfel der Musik darstellt.

Für einen Harfenisten ist es natürlich eine Grenzüberschreitung, ein solch anspruchsvolles Werk, das für Klavier geschrieben wurde, zu adaptieren und es mit Mitteln der Harfe in seiner ganzen Bedeutung und Größe darzustellen. Margit-Anna Süß hat dabei konsequent den Weg beschritten, das Klavieroriginal 100% zu spielen, ohne jede Bearbeitung oder Anpassung an technische Möglichkeiten der Harfe. Unter anderem ist diese Adaption auch deswegen möglich, weil Margit-Anna Süß die Methode der sogenannten Zwischendämpfung anwendet, um das ständige Ineinanderklingen der Saiten zu vermeiden und Klarheit und Transparenz in Artikulation und Diktion zu erreichen.

Bei Ihrer vorbereitenden Arbeit mit Schuberts Stücken hat sich Margit-Anna Süß umfassend mit allen erreichbaren (Klavier-)Aufnahmen auseinandergesetzt und sich in ihrer eigenen Interpretation stark an Wilhelm Kempf aber im Besonderen an die Einspielung von Radu Lupu angelehnt, der für sie durch seine eher ruhigen Tempi die Tiefe der Stücke besonders intensiv auslotet.

Erstmalige Kompletteinspielung aller Impromptus für Harfe.

JETZT KAUFEN!

Was bedeutet Ihnen als Harfenistin die Musik Schuberts?


Ich habe schon als sehr junge Musikerin Schuberts Musik sehr verehrt und immer bedauert, dass er kein einziges Werk für die Harfe geschrieben hat. Dabei habe ich - besonders in seinen Liedern - häufig den Harfenklang herauszuhören geglaubt. Nicht selten spielt die Harfe ja tatsächlich in so manchen Liedtexten eine gewisse Rolle: denken wir bloß an die Harfnerlieder oder an Lieder wie „An die Leier", „Nachtstück" oder den „Liedlee oder auch „Auf dem Wasser zu singen" mit seinem glitzernden Wellenspiel!
Gerade aber auch in den Impromptus für Klavier gibt es viele Stellen, wo mir erscheint, dass so mancher Pianist den Harfenklang förmlich nachahmen möchte.

Dabei war es nicht meine ursprüngliche Absicht alle 8 Impromptus aufzunehmen. Zunächst habe ich mich nur mit den Impromptus Nr. 2, 3 und 4 D 899 beschäftigt. Dann wurde es mir zu einer spannenden Aufgabe, die mich nicht mehr losließ. Ich kann ohne Zweifel behaupten, dass es in meinem Leben als Musikerin die bisher größte Herausforderung war, mich Schuberts musikalischer Tiefe mit einem anderen Instrument, als dem ursprünglich gedachten, nähern zu dürfen. Es ist mir bewusst, dass ich die üblichen, rein pianistisch-instrumentalen Erwartungen wohl nicht erfülle, ich würde mich aber freuen, wenn ich trotzdem das Interesse des ein oder anderen wecken könnte und sich ihm möglicherweise eine andere Form von .angqualität und Tiefe erschließt.

Was macht eigentlich den wesentlichen Klangunterschied aus zwischen Klavier und Harfe?

Natürlich hat die Harfe eine andere Art von Ton-Qualität als das Klavier: Der Ton wird vom Finger direkt erzeugt, was ich als Vorteil empfinde, weil man dadurch eine besonders lebendige Form der Tonschwingung erzeugen kann. Der Nachteil ist, dass es insbesondere bei Tonrepetitionen Nebengeräusche geben kann, weil man ja mit dem Finger in die bereits schwingende Saite wieder eingreift...das erfordert ein sehr subtiles Wiedereinsetzen im letzten Moment.

Aus welchem Grund hat Schubert speziell für die Harfe so gut wie nichts komponiert?

Harfe und Gitarreninstrumente sind die einzigen Instrumente neben dem .avier und allen anderenTasteninstrumenten, die als Harmonieinstrumente bezeichnet werden können. Im Gegensatz zu Cembalo und Orgel hat man aber ähnlich dem Klavier die Möglichkeit fliessende dynamische Schattierungen herauszuarbeiten.

Von der Gitarre weiß man heute, dass es zu Schuberts Zeiten durchaus verbreitet war, sie als Begleitinstrument seiner Lieder zu verwenden, die damals übliche Einfachpedalharfe eher weniger. Ich bin der festen Überzeugung, dass es einerseits an der technischen Qualität der damaligen Instrumente lag, andererseits aber auch an den begrenzten harmonischen Möglichkeiten der Einfachpedalharfe. Zwar wurde von Sebastian Erard die Doppelpedalharfe (entsprechend der heutigen Konzertharfe) bereits im Jahre 1811 in Paris entwickelt. Durchgesetzt hat diese sich aber erst sehr viel später. Noch Debussy komponierte seine „Danses sacre et profane" pour la harpe chromatique, einer chromatischen Harfe, die wegen ihrer enormen Spannweite sehr schwierig zu spielen war. Dieses Instrument muss man sich vorstellen wie eine offene Klaviermechanik mit chromatisch angeordneten Saiten. Mein Lehrer Pierre Jamet war der erste Harfenist, der Claude Debussy dessen Werke auf der Doppelpedalharfe vorspielte und er erarbeitete gemeinsam mit diesem Genie eine neue Klangtechnik, bei der er dem Klang eine besondere Tiefe durch vorbereitenden Saitenanschlag gab.



Sachrang-Akademie e.V.
Leitung: Margit-Anna Süß und Hansjörg Schellenberger
Interview mit der Harfenistin Margit-Anna Süß:


P.P.: Seit 2005 veranstalten Sie mit ihrem Mann Hansjörg Schellenberger im idyllischen Gebirgsdorf Sachrang /Chiemgau an der Tiroler Grenze sehr erfolgreiche internationale Meisterkurse für verschiedene Instrumente. An wen richtet sich dieses Angebot?

M.A. Süß: Es gibt eine website www.sachrang-akademie.de. Dort können sich Studenten anmelden, die sich während der Semesterferien weiterbilden möchten oder Schüler ab 15 Jahren, die sich auf Wettbewerbe wie Jugend-musiziert oder die Aufnahmeprüfung auf eine Hochschule vorbereiten. Es richtet sich aber auch an Studenten, die sich im Anschluss an ihr Studium auf Orchesterprobespiele oder Wettbewerbe vorbereiten möchten.

P.P. : Wie kommen Sie darauf ausgerechnet in Sachrang, einem kleinen Gebirgsdorf Kurse zu geben?

M.A. Süß: Mein Mann war über 20 Jahre lang Solooboist der Berliner Philharmoniker und ich habe dort auch über 10 Jahre freischaffend mitgewirkt. Wir wollten so gerne zurück in unsere Heimat Bayern und nach 20 Jahren Großstadt unseren damals noch relativ kleinen vier Kindern ein Leben auf dem Land ermöglichen. Als wir hierher nach Sachrang zogen war mein erster Gedanke: ein wunderschönes Dörfchen: das muss mit Musik belebt werden! Ein kleines bayerisches Gargilesse ( wie ich es bei meinem Pariser Prof. Pierre Jamet erlebt hatte) sollte hier entstehen…!

P.P.:Wie hat das die Sachranger Bevölkerung aufgenommen?

M.A. Süß: Die „Eingeborenen“ hier waren natürlich mehr ihrer traditionellen Musik, der bayr. Volksmusik verbunden und anfangs sehr skeptisch als wir hier in den Konzerten nicht nur Mozart, sondern Debussy, Ravel, Berio und Hamel (der übrigens ganz in unserer Nähe, in Aschau lebt) ins Programm brachten. Die Mehrheit der Konzertbesucher kommt auch nach wie vor von weiter her, teilweise sogar bis aus München…

Aber inzwischen findet es die Mehrheit der Bevölkerung eine große Bereicherung, wenn man aus den Häusern musizierende junge Menschen aus aller Welt hört. Manche Dorffrauen bringen sogar selbstgemachte Kuchen und Obst aus ihren Gärten ins Schulhaus, wo die Kurse stattfinden…

P.P.: Haben die Studenten untereinander auch Kontakt?

M.A. Süß: Das ist gerade der Vorteil dieses kleinen Ortes. Man trifft sich abends im Posthotel oder Sachranger Hof, wo man übrigens für 6 Euro ein Studentenmenue angeboten bekommt. Hier ist einfach alles billiger, auch die Unterkünfte, als in so manchen Kursen, die in teueren Großstädten stattfinden,wo die Studenten oft anonym und einsam in ihrem Hotelzimmer vor sich hin üben…

Wir haben auch eingeführt mit jeder Kursgruppe eine Wanderung auf eine Alm zu machen. Gerade für Kursteilnehmer aus Japan oder anderen Ländern ist es schön, unsere wunderbare Landschaft zu erleben. So mancher Student, der sich in einer Krise befand hat durch die wunderbare Atmosphäre hier eine andere Sichtweise bekommen und ist am Ende des Kurses, gestärkt mit neuen Kräften, nach Hause gefahren.

P.P.: Gibt es auch Konkurrenzkämpfe unter den Studenten?

M.A. Süß: Wer unsere Startseite auf der homepage liest wird einen Spruch Robert Schumanns finden:“Licht zu senden in die Tiefen des menschlichen Herzens ist des Künstlers Auftrag“
An diesen Auftrag täglich zu erinnern in unseren Kursen ist mir ein großes Anliegen. Durch Leistungsdruck und Auftrittsängste wird dieser Auftrag allzu oft verdunkelt. Die Herangehensweise im Unterricht , den Leistungsdruck umzuwandeln in schöpferische Kräfte und diese zu vertiefen neben all der technischen und stilistischen Arbeit sei nicht zu unterschätzen.

Dabei kann es auch sehr hilfreich sein das soziale Miteinander in der Gruppe zu pflegen lehren. Das gemeinsame Tun bei internen Vorspielen soll zu einem befruchtenden Miteinander und Austausch auf kollegialer Ebene werden statt zu Sportwettkämpfen, nach dem Motto: „Wer ist die oder der Beste?“ Es geht darum, die bestmöglischste Qualität aus jedem einzelnen als Individuum herauszuholen und das gegenseitige Geben und Nehmen von Anregungen als Motor des Übens einzusetzen.

P.P.:Ergeben sich nicht auch manchmal Probleme oder Konkurrenzdenken zwischen Ihnen und den Hochschullehrern der jeweiligen Studenten, vor allem wenn Sie unterschiedlicher Auffassung über ein Stück sind?

M.A. Süß: Mir ist bisher keines bekannt und ich werde auch alles dran setzen, dass dergleichen gar nicht erst entsteht. Es kommt viel drauf an, in welcher Art und Weise ich damit auf Kursen umgehe. Ich habe ja nur für die Dauer des Kurses die Verantwortung übernommen, kann dem Schüler Anregungen und Ideen geben, aber ich habe auf keinen Fall das Recht seinen Hauptlehrer in Frage zu stellen und auch nicht dessen Unterrichtsweise. Ich denke, dass jeder Musiker seine eigenen Qualitäten hat und das ist gut so! Ich wünsche mir ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Nur so können wir dem Schüler gerecht werden und vorbildlich Musik vermitteln. Natürlich gibt es oft unterschiedliche Auffassungen über Musizierpraktiken und Stile. Die positive Auseinandersetzung damit sollte unser aller Ziel sein.

Ich habe mir deshalb auch vorgenommen gelegentlich Kurse gemeinsam mit Kollegen anzubieten. In diesem Jahr wird es einen Doppel- Kurs mit Francoise Friedrich, die an der Musikhochschule Frankfurt lehrt und eine sehr erfahrene Operharfenistin ist, geben. Der Kurs wird vom 17. Bis 22. September stattfinden. Das Abschlusskonzert wird dann am 22.9. in der wunderschönen Barockkirche in Sachrang stattfinden. In der Regel lade ich dazu noch andere Musiker, wie etwa ein Streichquartett aus Salzburg ein, um den Harfenisten Gelegenheit zu geben auch Kammermusik wie beispielsweise die Debussy-Tänze zu spielen.

P.P.: Sie sind nicht nur Harfenistin, sondern auch begeisterte Landwirtin?

M.A.Süß: Das ist vielleicht zuviel gesagt. Aber es stimmt, ich liebe es meine Hühner, Schafe und Pferde zu versorgen, wann immer ich Zeit habe. Der ein oder andere Kursteilnehmer hat sich auch schon mal unsere Isländerstute für einen kleinen Ausritt ausgeliehen. Einmal haben mir Schüler auf einem Kurs einen kleinen Steckbrief verfasst, in dem unter Erkennungsmerkmal: „ Heu in den Haaren…“ stand.
Musik ist Leben und nicht nur Üben…!!!

Kurzbiographie von Margit-Anna Süß:
Erste Studien bei Ragnhild Kopp-Mues, danach bei Ursula Lentrodt an der Musikhochschule München, und 2 Jahre lang bei Pierre Jamet in Paris. Mit 20 Jahren erste Stelle als Soloharfenistin am NDR in Hamburg, jahrelang freie Harfenistin bei den Bamberger Symphonikern und Berliner Philharmonikern, wirkte über 20 Jahre lang bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern mit, Premier Prix du discque in Paris für französische Kammermusik bei „Deutsche Grammophon“, Deutscher Schallplattenpreis Vierteljahrelsliste für Doppelkonzerte für Harfe und Oboe, spielte mit Duopartnern wie Hansjörg Schellenberger,Emmanuel Pahud, James Galway, Albrecht Mayer, Wolfram Christ, Karl Leister… als Solistin mit Dirigenten wie Claudio Abbado, David Shallon, Emanuel Krivine mit Berliner Philharmoniker, Jerusalem Philharmonic, Orchestre de Lyon…masterclasses in Tokyo, Royal Akademy of Manchester, Sibelius-Hochschule in Helsinki, Rimskij-Korsakow-conservatorio St. Petersburg…


Plattenkritik auf Klassik.com

Margit Anna Süss verzaubert den Zuhörer in der vom Label Solo Musica veröffentlichten Einspielung ‚Zeitenwandel‘mit Harfenklängen in allen Formen und verschiedenen Zeiten. Ein Ziel der Harfinistin ist es, die Vielseitigkeit und den verschiedenartigen Umgang mit der Harfe in den unterschiedlichen Zeiten vorzustellen. Dabei suchte sie für diese CD ausschließlich Werke deutscher Komponisten aus.

Mit der 'Fantasie c-Moll für Harfe solo' op. 35 von Louis Spohr gelingt Süss ein dramatischer Auftakt. Die ersten Arpeggienklänge mit ihrem düsteren Charakter lassen sofort aufhören. Das Stück ist im Folgenden von einem Wechsel zwischen Melodie und Begleitung und weiteren Läufen durch alle Oktaven hindurch geprägt. Süss arbeitet die Melodielinien trotz des freien Charakters einer Fantasie deutlich heraus, was ihr durch prägnante dynamische Schattierungen und Tempoveränderungen gelingt. Auch in den Variationen zu 'Je suis encore dans mon printemps' op. 36, ebenfalls von Spohr, kann Süss ihre vielfältige Spielweise vorstellen, denn neben der Liedmelodie erscheinen virtuose Variationen, in denen die Melodie auch in den Bassbereich wandert.

Die Moderne deckt Süss durch den Komponisten Peter Michael Hamel ab, der im Jahr 1980 einige Miniaturen für Harfe komponierte. Jedes der sieben Stücke verwendet einen anderen Modus der ‚klassischen‘ nordindischen Musik. Die herkömmlichen Hörerfahrungen helfen bei diesen Stück nicht weiter. An einigen Stellen hat man sogar den Eindruck, dass der Klang elektronisch erzeugt oder zumindest modifiziert wurde. Die Klänge vermischen sich durch den langen Nachhall zu einem weichen Klangteppich. Doch dazwischen taucht plötzlich eine Melodie auf, die auch aus der europäischen Kunstmusik des frühen 20. Jahrhunderts stammen könnte. An anderer Stelle gibt es eingeworfene Akkorde, die nur durch ihre Lautstärke aus dem fließenden Gewebe herausstechen.

Zwischendämpfung

Obwohl die Harfe in ihrer heutigen Erscheinungsform erst im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde, wählt Süss auch Stücke aus der so genannten Barockepoche aus. Für Süss stellt dies heute keinen Widerspruch mehr da, weil sie eine neue Art der Dämpfung entwickelt hat. Die ‚Zwischendämpfung' soll den – bei den Stücken von Helm durchaus erwünschten – langen Nachhall der Harfenseitenbei verhindern. Wie gut diese neue Spieltechnik funktioniert, beweist sie in der Interpretation der Lauten-Suite Nr. 1(BWV 996) von Johann Sebastian Bach in einer Transkription für Harfe. Die Töne der Basslinie in der linken Hand verschmelzen bei ihr nicht mehr zu einem Mischklang. Sie bleiben kurz und geben das harmonische Gerüst in aller Deutlichkeit vor. Diese Technik ist nicht nur für solistische Kompositionen von Vorteil, sondern ermöglicht auch im Ensemblespiel neue Ansätze. Zugleich können Artikulation und die Dynamik in einer präziseren Ausführung erfolgen. Die Technik sollte, so Süss, aber nicht in jedem Stück zum Einsatz gelangen. Die verschiedenen Charaktere der Suite werden von der Harfenistin hervorragend deutlich präsentiert. Auf der einen Seite finden sich melancholisch anmutende Passagen (Sarabande), die auf weichen ausgehaltenen Klängen der langsam wiegenden Melodie beruhen, auf der anderen Seite finden sich auch rhythmische Phrasen (Bourrée), die aus kurzen ‚Tontupfern‘ bestehen.

Die Harfe hinter dem Altar

Auch die Musik des frühen 20. Jahrhunderts darf in einem solchen Überblick über die ‚deutschen' Harfenklänge nicht fehlen. Die Spielfreude von Süss wird besonders in der 'Sonate für Harfe' von Paul Hindemith deutlich, den sie zu ihren Lieblingskomponisten zählt. Der erste Satz ist hauptsächlich von Akkorde durchzogen, während der zweite Satz aus vielen springenden Tonpunkten besteht. Dieser unterschiedliche Charakter wird erneut durch den gezielten Einsatz von Dämpfungen erreicht. Hindemith wählte als Inspiration für den dritten Satz ein Gedicht von Ludwig Christoph Heinrich Hölty aus. Die Besonderheit in der Ausführung durch Süss liegt darin, dass sie das Gedicht zu ihrem Spiel rezitiert. Hindemith gab dies in keiner Anmerkung vor, doch für Süss gehörten das Gedicht und die Musik zusammen. Nach eigenen Angaben benötigte sie mehrere Jahre, um die perfekte Harmonie zwischen Textaussage und dem Notentext zu finden. Dabei stellen sich die wenigen Angaben Hindemiths bezüglich der Phrasierung und Artikulation als Vorzug heraus. Diese einmalige, aber durchaus auch theatralische Art der Aufführung, ist überzeugend vorgetragen. Der Text ist mehr gehaucht als gesprochen, wodurch das Harfenstück, die sich nach dem Gedicht hinter dem Altar befindet und durch den Luftzug von selbst klingt, eine sakrale Note erhält.

Kritik von Benjamin Scholten, 01.03.2010
Link zum Artikel auf Klassik.com



THE GERMAN HARP
Margit Anna Süss Solo
Zeitenwandel Spohr, Bach, Haydn, Hamel, Hindemith

Interview

1) Worum geht es Ihnen in Ihrer neuen Einspielung: "Zeitenwandel"?

Ich möchte gerne zeigen, was die Musik in den verschiedenen Epochen zu sagen hatte und wie dies auf der Harfe umgesetzt werden kann. Dabei habe ich ganz bewusst auf eine chronologische Reihenfolge verzichtet, um dem Hörer mehr Kontrast zu bieten. Die auf dieser CD eingespielten Stücke sind nicht ausschließlich Originalwerke, sondern es geht mir darum, kompositorisch bedeutende Werke vorzustellen. Der Trend der Zeit geht ja in die Richtung, dass oft keine ganzen Sonaten oder Werke mehr aufgenommen werden, sondern einzelne Sätze, gewissermaßen Pralinees in einer ganz bestimmten Geschmackssorte, mundgerecht zubereitet, um dem Zuhörer kein aufmerksames Zuhören abzuverlangen, ihn vielmehr in eine angenehme Stimmung mit "background"-Musikcharakter zu versetzen. Dies mag seine Berechtigung haben für Einsteiger in die sogenannte E-Musik, entspricht aber nicht meiner Vorstellung, was ich musikalisch transportieren möchte.

2) Sie haben nur deutsche Komponisten eingespielt, ist das Zufall?

Nein. Ich plane ein größeres Album, eine Serie mit Einspielung europäischer Komponisten, es sollen nach den deutschen Werken französische, italiensche, englische, vielleicht auch noch russische Komponisten vorgestellt werden.

3) Kann man J.S. Bachs Musik auf der Harfe musikalisch sinnvoll realisieren?

Dies ist eine berechtigte Frage! Ich habe die Lautensuite gewählt, weil mir der Harfenklang der Laute nahe zu sein scheint, jedenfalls näher als der Violine, deren Partiten ja auch auf der Harfe gespielt werden. Lange habe ich die Barockmusik nahezu aus meinem Repertoire verbannt, weil mich der lange Nachklang der Harfe, speziell aber das Verschwimmen einzelner Töne, insbesondere in der linken Hand gestört haben. Zuerst versuchte ich es mit einer eigens von Nicanor Zabaleta bei der Firma Horngacher entwickelten Harfe mit einem zusätzlichen Dämpfpedal. Das hatte zur Folge, dass der Gesamtklang der Harfe trockener wurde, da ja der gesamte Basstonbereich abgedämpft wurde. Der klaren Artikulation und Phrasierung war weiterhin nicht geholfen, denn Tonfolgen verschwammen nahezu genauso wie zuvor. Erst als ich die Zwischendämpfung entdeckt habe kam ich mit meiner Interpretation meinen Vorstellungen, wie Barockmusik auf der Harfe klingen sollte, entscheidend näher. Das wirkt sich für mich natürlich auch auf das basso-continuo-Spiel barocker Kammermusik aus.

4) Was verstehen Sie unter Zwischendämpfung?

Da muss ich weiter ausholen. In der Harfentechnik ist es üblich, dass man nicht einzelne Töne anzupft, sondern in Griffen vorbereitet eingesetzt wird, so dass die Finger eine gegenseitige "Stütze" finden. Erst wenn die Finger vorbereitet platziert sind wird abgespielt.Wenn in einer Tonfolge z-B. vier eingesetzte Finger nacheinander abspielen, so setze ich bei der Zwischendämpfung den abgespielten Finger, manchmal auch den Daumen, in dem selben Moment wieder in die gespielte Saite, während der nächste Finger spielt, usw. Dies muss sehr elastisch vonstatten gehen, so dass es keinen abrupten Dämpfvorgang, sondern eine gegenseitige Tonablösung gibt. Ein Ton wird dem nächsten übergeben ohne selbst weiterzuklingen, wie man am Klavier legato spielt. Diese Zwischendämpfung ist natürlich nicht immer möglich und sollte vielmehr an musikalisch sinnvollen Stellen, besonders in der linken Hand angewendet werden, da dort ja vermehrt das Verschwimmen des Klanges auftritt wegen der langen Basssaiten und des größeren Korpus im unteren Bereich des Instrumentes.

5) Wenden Sie diese Zwischendämpfung auch bei anderen Kompositionen an?

Ja, natürlich, vor allem, wenn es sich um Werke handelt, die viel Sprache abverlangen, wie es zum Beispiel bei Haydn der Fall ist. Mit Hilfe der Zwischendämpfung habe ich viel mehr Facetten, kann Bögen, Artikulationen etc. wesentlich deutlicher herausarbeiten. Deshalb habe ich auch keine Bearbeitung von Haydns Variationen eingespielt, sondern mich bewusst ans Original gehalten. MitAusnahme eines kleinen chromatischen Laufes, der auf der Harfe unspielbar ist, habe ich auch keine Veränderungen vorgenommen.

6) Sie haben Werke von Louis Spohr als Vertreter der Romantik gewählt, was hat er kompositorisch für die Harfe hinterlassen?


Spohr ist einerseits Romantiker, fühlt sich auf der anderen Seite aber noch stark der Klassik verpflichtet. Nach seiner Heirat mit der Harfenistin Dorette Scheidler, die er in seiner Selbstbiographie als große Virtuosin ihres Instruments beschreibt, entstanden viele Werke für Violine und Harfe, wobei er teilweise die Harfe um einen Halbton tiefer stimmen ließ,da diese in B-Tonarten besser klingt und die Geige in der helleren Kreuztonart beließ. Das heisst, eine Sonate, in der die Geige beispielsweise die Tonart D-Dur spielte, war in der Harfenstimme in Es-Dur notiert, klang aber durch die tiefere Stimmung wie D-Dur. Heute ist dies nicht mehr notwendig, da die mechanische Verbesserung unseres Instrumentes durchaus auch in Kreuztonarten einen guten Klang zulassen. Ich habe seine beiden einzigen Solowerke eingespielt, beide im Jahre 1807 als op.35 und 36 kurz hintereinander entstanden.

7) In vielen Kreisen gilt Paul Hindemiths Musik als rein konstruierte Musik. Was ist Ihre Meinung dazu?

Für mich ist Hindemiths Musik oft völlig unterschätzt. Ich halte ihn sogar für einen der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts! Wäre sie rein konstruiert wäre sie emotional leer und würde die Seele nicht erreichen. Das Gegenteil ist der Fall!! Ganz zu schweigen von seiner hervorragenden Instrumentationskunst! Er kannte sich genau mit den Instrumenten aus, für die er geschrieben hat und er scheint sich genau mit den harmonischen Möglichkeiten der Harfe und ihrer jeweiligen Pedalisierungen auseinandergesetzt zu haben.

8) Wann entstand die Sonate für Harfe von Hindemith?


Hindemith ging 1934 in die Emigration, war jährlich zu längeren Aufenthalten in Ankara, wo er im Auftrag der türkischen Regierung das dortige Musikleben organisierte, 1937-39 unternahm er Konzertreisen in die USA und lebte in der Schweiz bevor er 1940 in die USA übersiedelte. In diesen bewegten Zeiten entstand 1939 die Sonate für Harfe. In weniger als 3 Tagen komponiert!

9) Wie erleben Sie die Sonate für Harfe von Hindemith?

Die tiefste Emotion löst in mir der letzte Satz aus, komponiert nach einem Gedicht von Ludwig Christoph Heinrich Hölty, der 1748 bis 1776 gelebt hat. In diesem Gedicht, das Hölty nur zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben hat, bittet er seine Freunde, nach seinem Tode seine kleine Harfe hinter dem Altar aufzuhängen, damit sie dort, gleich einer Äolsharfe von selbst erklingen möge. Hölty, aufgewachsen im Kloster Marienstein bei Hannover, wurde nur 28 Jahre alt. Tatsächlich hängt noch heute hinter dem Altar der dortigen Klosterkirche seine Harfe ( wenn es sich auch angeblich inzwischen nicht mehr um das Original handelt).

Lied (von Ludwig Christoph Heinrich Hölty, geschrieben am 9. November 1774)

Ihr Freunde, hänget, wann ich gestorben bin,
die kleine Harfe hinter dem Altar auf,
wo an der Wand die Totenkränze
manches verstorbenen Mädchens schimmern.
Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden
die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band,

das, an der Harfe festgeschlungen
unter den goldenen Saiten flattert.
"Oft" sagt er staunend, "tönen im Abendrot von
selbst die Saiten leise wie Bienenton:
die Kinder, hergelockt vom Kirchhof,
hörtens, und sahn, wie die Kränze bebten."

Interessant ist, dass schon Peter Cornelius (1824 -1874) dasselbe Gedicht in einer Komposition für Singstimme und Klavier verwendet hatte. Der Inhalt des Gedichtes kündigt sich nach meiner Empfindung bereits in den ersten beiden Sätzen an. So mag der 1. Satz mit seinen getragenen akkordisch-breiten Klängen anmuten an die Stimmung einer großen Kathedrale, deren Raum vom Klang einer großen Orgel erfüllt, immer wieder unterbrochen wird von kurzen Einwürfen eines Kinder-Ballspiel, deren Vorstellung sich im 2. Satz sich mir geradezu aufdrängt. Diese Imagination der ballspielenden Kinder auf dem Kirchhof verlangt vom Harfenisten eine gewisse Leichtigkeit im Spiel, die einen wunderbaren Kontrast zum ersten Satz mit seinem eher schweren Charakter bildet. Erstaunlich ist, dass Hindemith auf jegliche Angabe zur Artikulation oder Phrasierung verzichtet hat. Ob er damals dem Harfenspiel noch nicht zugetraut hat, diese Dinge verwirklichen zu können oder ob er dies dem jeweiligen Spieler überlassen wollte, wäre interessant zu erforschen. Ich halte es jedenfalls für unverzichtbar, sich genaue Gedanken zu machen, wann und wo man Bögen spielt, tenuto, legato, staccato etc. einsetzt, um dem erzählerischen Charakter dieses Stückes gerecht zu werden. ähnlich wie bei Bach achte ich nahezu pedantisch darauf, dass viel zwischengedämpft wird.

10) Sie haben bei Ihrer Aufnahme das Gedicht während des Spielens rezitiert. So ist es aber nicht im Notentext gefordert?

Nein, das war meine eigene Idee. Jahrelang habe ich daran gearbeitet Text und Noten miteinander in Verbindung zu bringen. Musik ist Sprache und in kaum einem Werk für Harfe kommt dies deutlicher zum Ausdruck. Natürlich ist es meine eigene Interpretation und es gibt bestimmt noch andere Versionen Text und Musik miteinander in Einklang zu bringen.

11) Tragen Sie dies auch in Konzerten so vor?

Ja, sehr oft, aber nur in kleineren Konzertsälen oder Kirchen, so dass man das Gesprochene verstehen kann, aber ich lege auch immer großen Wert darauf, dass der Text im Programmheft gedruckt ist, so kann man ihn auch besser verstehen. Ich erlebe immer wieder, dass das Gedicht von Interpreten völlig ignoriert wird. Das finde ich sehr schade, weil einem das Stück in seiner ganzen Tiefe mit Text bewusster wird und ich möchte ja die Seele des Zuhörers besser erreichen können. Das ist doch der eigentliche Grund, warum wir Musik machen.

12) Wünschen Sie sich Ihre Harfe nach Ihrem Tod auch am Altar einer Kirche?

Oh ja, ein wunderschöner Gedanke! Es wäre sehr beglückend, wenn ich auf diese Weise mit meinen Liebsten weiterhin kommunizieren könnte!

13) Wie sind Sie auf die Musik von Peter Michael Hamel gekommen?

Peter Michael Hamel lebt ganz in unserer Nähe in Aschau im Chiemgau. Er war vor vielen Jahren Studienkollege meines Mannes, Nachfolger Ligetis an der Hamburger Musikhochschule, Bialas Preisträger. Man merkt deutlich den Einfluss fernöstlicher, besonders indischer Musik. Alle anderen Komponisten meiner Aufnahme haben sich alle deutlich aus einer bestimmten kulturgeschichtlichen Entwicklung herauskristallisiert, nämlich geprägt vom christlich-abendländischen Kulturgeist. In unserem Zeitalter der Globalisierung gibt es viele unterschiedliche Strömungen und Einflüsse auch aus dem Orient oder den fernöstlichen Ländern. Musik verschiedener Kulturen begegnen sich, wie im Falle Hamel, der sich ja lange in Indien mit dessen Musik beschäftigt hat. Dabei ist die indische Sitar, dem Klang der Harfe verwandt, deutlich herauszuhören. Hamel, der das Stück für seine Schwester, einer Harfenistin, geschrieben hat, zeigt in seinen Miniaturen, dass er geschickt mit den harmonischen Möglichkeiten einer Harfe umzugehen weiß.


Offizielle Website von Margit-Anna Süß